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Freiflächen für alle

Pünktlich zum Start der Olympischen Sommerspiele 1972 präsentierte sich München völlig neu: Das Olympiagelände mit seiner weltberühmten Dachlandschaft, eingebettet in eine künstlich angelegte Hügellandschaft mit geschwungenen Wegen und jeder Menge Freiheiten für die Nutzer, eine moderne Fußgängerzone in der Innenstadt, Infrastrukturmaßnahmen … – München zeigte sich modern, weltoffen und demokratisch. Und wie wir heute wissen: Nachhaltig geplant.

Von der Demokratisierung öffentlicher Freiflächen

Heute ist es ja kaum noch vorstellbar, dass zuvor in öffentlichen Parks das Betreten der Grünfläche verboten war. Für den Landschaftsarchitekten Günther Grzimek (1915 – 1996) jedoch war die „Demokratisierung“ öffentlicher Flächen ein wichtiges Ziel, das er in der Planung des Olympiageländes in München umsetzte. Denn alle Schichten der Bevölkerung sollten das Olympiagelände nutzen, an den Olympischen Sommerspielen teilhaben können: Der freie Zutritt zum Gelände, die Wiese als Sitzplatz nutzen zu können, die Möglichkeit, von den Freiflächen aus Sportveranstaltungen ohne Eintritt aus der Ferne mitverfolgen zu können, selbst Wiesenblumen pflücken zu dürfen war ganz im Sinne der Modernität, die München mit den Olympischen Sommerspielen 1972 präsentieren wollte. Doch dies sollte nicht die einzige demokratisierte Freifläche bleiben …

Der Olympiapark während der Olympischen Spiele München 1972, © saai I Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT Karlsruhe, Werkarchiv Behnisch & Partner, Foto: Behnisch & Partner, Christian Kandzia

Die Stadt macht sich fit

Als München 1966 den Zuschlag bekam, die Olympischen Sommerspiele der XX. Olympiade 1972 ausrichten zu dürfen, war längst beschlossen, den Autoverkehr aus der Innenstadt zu verbannen und die Massenverkehrsmittel in den Untergrund zu verlegen. Der U- und S-Bahnbau hatte bereits 1965 begonnen. Doch nun musste es schnell gehen, pünktlich zum Beginn der Olympischen Sommerspiele alles fertig sein: Das sternförmig angelegte S-Bahn-Netz und zwei U-Bahnlinien, die 85.000 Besucher*innen binnen Minuten zu den Wettkampfstätten bringen sollten und natürlich eine vorzeigbare Innenstadt! Sechs Jahre Zeit blieben, um die Stadt fit zu machen für dieses Großereignis, auf das Fernsehpublikum in der ganzen Welt schauen sollte.

„münchen wird moderner“ – Bau der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz, © Stadtarchiv München, DE-1992-FS-STR-1364. Zu sehen in der Sonderausstellung „Die Olympiastadt München. Rückblick und Ausblick“ (07.07.2022 – 08.01.2023)

Unten Massenverkehrsmittel, oben Fußgängerzone

Dort, wo mitten in der Stadt zuvor noch Autos und Trambahnen fuhren, entstand eine gewaltige Baugrube – der S-Bahn-Tunnel wurde in München in „offener Bauweise“ erstellt. Als nach Fertigstellung des Tunnels die Baugrube wieder verfüllt worden war, galt es, die gesamte Fläche neu zu gestalten. Hierzu wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, Bernhard Winkler (*1929) und Siegfried Meschederu daraufhin beauftragt, den Entwurf auszuarbeiten für die damals größte Fußgängerzone in Europa. Im Juni 1972 wurden diese 50.000 m² Fußgängerbereich eröffnet.

Genau festgelegt ist in diesem Entwurfsplan, wie das Pflaster der Fußgängerzone zu gestalten ist, wo Bäume, die 300 sechseckigen Pflanztröge, Brunnen, Kioske und Vitrinen Platz finden sollten. Ebenso sind die 340 Acrylglasleuchten eingezeichnet, die so typisch für die Münchner Innenstadt sind, und perfekt zur Leichtigkeit passen, die mit den Olympischen Spielen vermittelt werden sollte.

Acrylglas-Leuchten vor dem Dom in der Münchner Innenstadt. Foto: © Museumspädagogisches Zentrum
Sechseckigen Pflanztröge in der Münchner Innenstadt. Foto: © Museumspädagogisches Zentrum

Für ihre Gestaltungsleistung wurden 1974 Bernhard Winkler und Siegfried Meschederu mit dem „R. S. Reynolds Memorial Award“ für „community architecture“ des American Institute of Architects ausgezeichnet.

Aufenthaltsqualität und Demokratie

Ein wichtiger Gedanke bei der Gestaltung des neuen Fußgängerbereichs in der Münchner Innenstadt war es, allen Menschen hier einen Aufenthaltsort mit Sitzgelegenheiten zu bieten. So wurden nicht nur Außenbereiche für Cafés und Gaststätten vorgesehen, sondern zudem frei bewegliche Stühle aufgestellt, die alle Passanten zum Verweilen einladen – auch dies ein Beitrag zur Demokratisierung öffentlicher Flächen. Gleichzeitig tragen die Stühle gemeinsam mit den Blumeninseln und Brunnen zur Aufenthaltsqualität bei.

Die Befürchtung, die neue Freifläche mit insgesamt 50.000 m² würde niemals mit Leben gefüllt werden können, bestätigte sich nicht. Kurz nach der Eröffnung nutzten sie bereits 120.000 Menschen pro Tag – für einen Einkaufsbummel, freie Meinungsäußerungen, Kunstaktionen oder auch den Besuch des Christkindlmarktes.

Noch bis zum 08.01.2023 kannst du in der Ausstellung „Die Olympiastadt München. Rückblick und Ausblick“ des Architekturmuseums der TUM in der Pinakothek der Moderne ein Stadtmodell mit dem neuen Fußgängerbereich, den Entwurf dazu und ein Interview mit Bernhard Winkler sowie viele weitere Exponate rund um die Themen Stadtplanung und Infrastruktur für die Olympiastadt entdecken!

Granit, Kunststeinplatten und Kleinsteinpflaster

Bernhard Winkler ist übrigens davon überzeugt, dass wir beim Laufen den Rhythmus des Pflasters unbewusst spüren. Hast du schon einmal darauf geachtet, wie das Pflaster, auf dem du gehst, gestaltet ist?

In der Münchner Innenstadt wechseln sich Bänder aus Kunststeinplatten und Kleinsteinpflaster in unterschiedlicher Breite ab. Vor Kirchen oder dem Rathaus sind Granitplatten verlegt, markante Bauwerke der ehemaligen Stadtbefestigung im Pflaster nachgezeichnet.

Jetzt bist du dran!

Wie würdest du die Fläche zwischen Stachus und Marienplatz gestalten? Zeichne deine Ideen in die freie Fläche zwischen den grau unterlegten Häuserzeilen im Norden und Süden ein! Verwende dazu die Bilddatei (klicke auf den Link und öffne mit der rechten Maustaste das Menü, um das Bild zu speichern) und ein digitales Zeichenprogramm oder drucke den Plan aus und nimm Farbstifte zur Hand.

Wie würdest du den Fußgängerbereich zwischen Stachus (links) und Marienplatz (rechts) gestalten? Situationsskizze und Foto: © Museumspädagogisches Zentrum

Oder gestalte ein Stück Kleinsteinpflaster nach deinen Vorstellungen – vielleicht rund um einen Brunnen?

Du brauchst dazu Papier, ein Stempelkissen sowie einen quadratischen Stempel. Einen solchen Stempel kannst du aus einer Kartoffel oder einem Radiergummi ausschneiden. Alternativ klebst du ein Stück fester Pappe auf einen Korken auf. Fülle dein Blatt, aber lass zwischen deinen „Steinen“ Fugen frei.

Entwirf eine Pflasterung. Verwende dazu zum Beispiel einen selbstgemachten Stempel aus fester Graupappe und ein Stempelkissen. Foto: © Museumspädagogisches Zentrum

Übrigens

Mehr zur landschaftlichen Gestaltung des Olympiageländes und der weltberühmten Dachlandschaft erfährst du hier.

NACHHALTIGKEIT

Für Gesundheit und Wohlbefinden sorgen in Städten auch Grünanlagen sowie Fußgängerbereiche, also die Trennung von Autoverkehr und Fußgängern (Ziel 11). Das Bereitstellen und Nutzen von Massenverkehrsmitteln und das Begrünen der Städte stellen Maßnahmen zum Klimaschutz dar (Ziel 13).

Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen mit Erklärungen in leichter Sprache findest du HIER.

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Olympische Sommerspiele 1972. Architektur und Städtebau für München (Fortbildung für Lehrkräfte aller Schularten)

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Informationen zum Museum
In seinen Sonderausstellungen in der Pinakothek der Moderne vereint das Architekturmuseum der TUM Exponate aus der eigenen Sammlung und Leihgaben aus anderen Museen, Sammlungen oder Archiven. In der Ausstellung „Die Olympiastadt München. Rückblick und Ausblick“ (07.07.2022 bis 08.01.2023) sind neben Modellen, Zeichnungen, Fotos, Filmen und Plakaten auch jede Menge anderer Dinge zu entdecken!

Abbildungsnachweis Titelbild: 340 Leuchten aus Acrylglas ziehen sich wie eine Perlenkette durch die Münchner Innenstadt. Foto: © Museumspädagogisches Zentrum 2022

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