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Sprache verbindet – Wortspiel

Was ist ein Wort wert? Sind Worte Werte? Ist schlicht schlecht? Oder vielleicht lieber Lieder, ein Konzert mit Konzept? Egal ob lustig oder lästig: auf jeden Fall ans Danken denken! – Denn ein Text kann Test sein. Kapiert? (oder nur kopiert?)
Wer nach dem Sinn hinter diesem Test-Text sucht, sollte nicht beim Inhalt ansetzen, sondern buchstäblich beim Buchstaben. Hier wird gespielt: Wörter verändern sich durch Austausch eines einzigen Lauts oder Buchstabens.

© Museumspädagogisches Zentrum

Auf inhaltlicher Ebene haben diese Wörter (in unserem Fall sind es jeweils Wortpaare) dann nichts mehr miteinander zu tun. Auch phonetisch, also am Klang, erkennt man die Verwandtschaft oft nur schwer, wenn es sich nicht gerade um Reimwörter handelt. Noch verzwickter wird die Spielerei, wenn die in einem Wort vorkommenden Buchstaben in eine andere Reihenfolge gebracht werden. In einem solchen Anagramm kann die „Geburt“ leicht zu einem „Betrug“ oder zu „Erbgut“ werden.

Der Gipfel des Ganzen ist das berühmte „Lagerregal“, das vorwärts wie rückwärts gelesen werden kann (man nennt das dann Palindrom) und als Anagramm „Regallager“ ergibt.

Solche Wortspiele sind wirklich tricky und faszinieren nicht nur Schriftsteller und Literaten seit vielen Jahrhunderten. Der deutsche Künstler Olaf Nicolai (*1962) zum Beispiel hat mit einer Neon-Leuchtschrift experimentiert. Wie er es geschafft hat, aus dem freundlichen Gruß „Hello there“ durch Weglassen (oder den Ausfall?) von zwei Leuchtbuchstaben eine geradezu furchterregende Erkenntnis zu gewinnen? – Des Rätsels Lösung wird sichtbar, wenn man den Regler nach rechts bewegt:

Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai bricht in seinen multimedialen Arbeiten gewohnte Sichtweisen und Assoziationsmuster auf. Häufig arbeitet er mit Kombinationen aus Wiederholung und Veränderung auf den verschiedensten Ebenen und mit ganz unterschiedlichen „Materialien“. In einem Offset-Druck, der zurzeit in der Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“ im Münchner NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist, experimentiert er zum Beispiel mit einem Zitat des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder.  
Im komplexen Untertitel zu dessen „Effi Briest“-Verfilmung aus dem Jahr 1974 (Originalzitat auf orangenem Grund) tauscht Nicolai nur ein einziges Wort aus. Welches?

Olaf Nicolai, Viele, die eine Ahnung haben …, 1999, NS-Dokumentationszentrum München „Tell me about yesterday tomorrow“; Foto: Orla Connolly

Welche Lesarten sind im originalen Text (um einen Satz handelt es sich nicht!) möglich, welche im modifizierten? Wird die Aussage durch den winzigen Eingriff zwangsläufig ins Gegenteil verkehrt? Oder kommt es dabei auch auf die Deutung anderer Begriffe (wie „Möglichkeiten“, „Bedürfnisse“ und das „herrschende System“) an? Inwiefern verändert sich die Aussage, wenn wir in der ersten Zeile nur einen einzigen Buchstaben hinzufügen: ein „k“ vor „eine“? Die verwirrende Fülle von potentiellen Bezügen, Assoziationen und Deutungsansätzen, die in unseren Köpfen entsteht, zeigt uns, wie viel ein einzelnes Wort, ja sogar ein einzelner Buchstabe wert ist und welche sinnstiftende Macht davon ausgeht. Es zeigt aber auch, wie achtsam wir mit Worten umgehen sollten, da sie in so viele verschiedene Richtungen, positiv wie negativ, interpretiert werden können. 

„Ein Buchstabe kann ein Wort verändern. Ein Satz ein ganzes Leben.“

Olaf Nicolais Wortspiel-Werk „Viele, die eine Ahnung haben“ ist derzeit in der Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“ im NS-Dokumentationszentrum zu sehen und kann als Teil eines work in progress im „Original“ mit nach Hause genommen werden!

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Abbildungsnachweis Titelbild: Olaf Nicolai, VIELE, DIE EINE AHNUNG HABEN…, Offsetdruck, 100 x 68 cm, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter, Berlin, VG Bild-Kunst, 2020

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